Friedenauer Presse Artikel-Nr.: 9783932109614 Artikel-Info/Bestellschein
Hotlist 2009 - die Empfehlungen der Independents Platz 1 der SWR-Bestenliste Februar
Leonid Dobycin (1894-1936) gehört zu den großen Autoren der lange verfemten Petersburger Avantgarde, der seit dem Ende der Sowjetherrschaft, neben Daniil Charms und Isaak Babel, wiederentdeckt und angemessen gewürdigt wird. Dobycin geriet 1935 ins Zentrum der berüchtigten Formalismus-Debatte, er wurde als Volksfeind bezeichnet. Der Roman "Die Stadt N." erschien 1935, ein Jahr danach starb der Autor. Man hat lange geglaubt, er hätte sich das Leben genommen; jedoch seit die Berichte der NKVD-Spitzel bekannt sind, die ihn in seinen Leningrader Jahren beschattet haben, sind Zweifel an dieser Version aufgekommen.
„Der Nobelpreisträger Joseph Brodsky, 1987, von Studenten in Harvard befragt, wen er für den größten russischen Prosa-Autor nach 1917 halte: “Dobycin, sagte Brodsky schnell, - Leonid Dobycin. Das Auditorium kannte Dobycin nicht.“
In dem Roman, an dem Dobycin seit 1928 arbeitete, schildert er eine kleinbürgerliche Kindheit im vorrevolutionären Rußland. In der Kleinstadt (vermutlich die Stadt Dvinsk) scheint die Zeit stillzustehen, die Entwicklung des einsamen Jungen bleibt völlig unberührt von politischem Geschehen. Schon das war zur Zeit des sozialistischen Aufbruchs ein Tabubruch. Die Stadt N. ist auch eine Fallstudie über frühkindliche Sexualität und die Neigung zu gleichgeschlechtlicher Liebe - und diese war in der UdSSR ein kriminelles Delikt.
Peter Urban, geboren 1941 in Berlin, studierte Slavistik, Germanistik und Geschichte in Würzburg und Belgrad, war Verlagslektor bei Suhrkamp, Hörspieldramaturg beim WDR und ist Lektor im Verlag der Autoren in Frankfurt; er übersetzte u.a. Werke von Gorkij, Ostrovskij, Daniil Charms, Kazakov, Chlebnikov und das gesamte dramatische Werk von Anton Cechov. Für seine Neuedition und -übersetzung der Cechov-Briefe wurde ihm der Helmut-M.-Braem-Übersetzerpreis zuerkannt.
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